Die Begleitung neuer Mitbürger in Glinde

Eindrücke und Gedanken, die uns bewegen

1. November 2015 – sonntägliches Treffen von Flüchtlingen und engagierten Glindern in der Evangelischen Kirche St. Johannis Willinghusener Weg 69.

Wir gehen zum 18.00 Uhr-Gospelgottesdienst und treffen im Gemeindesaal viele Flüchtlinge und engagierte Glinder. Spontan bieten wir die Begleitung einer Familie an.Sonntagstreff

„Wenn die nächsten kommen, rufen wir Sie an“, sagt uns ein freundlicher Vertreter vom „Verein Flüchtlingshilfe Glinde“.

7. Dezember 2015 – der Anruf:

„Am 9. 12. um 19.00 Uhr begrüßen wir gemeinsam Ihre 7 köpfige syrische Familie in deren Wohnung. Ein Dolmetscher ist dabei. Holen Sie bitte vorher die Erstversorgung bei Herrn Metschulat in der Mühlenstrasse ab.“

9. Dezember 2015 – wir werden – nach längerer Pause – noch einmal Eltern und  Großeltern zugleich.

„Unsere“ Familie, gerade nach mehreren Lageraufenthalten in Glinde angekommen, ist angespannt und müde zugleich. Die drei Erwachsenen versuchen die Informationen des Flüchtlingshelfers, übersetzt vom Dolmetscher, aufzunehmen und zu verstehen. Es geht um den Flüchtlingstreff, die Kleiderkammer, den Sprachunterricht für Erwachsene, den Schulbesuch von 3 der 4 Kinder. 2 Mädchen und 2 Jungen im Alter von 4 bis 10 Jahren sind für uns eine gute Brücke, um in den Kontakt mit den Erwachsenen zu kommen; die dunklen, blitzenden, hübschen  Augen sagen uns viel. Ihr deutscher Wortschatz umfasst „Hallo“, „Tschüss“ und die Zahlen 1 bis 10, gesprochen wie von in Deutschland Geborenen.

Wir selbst können ein paar arabische Wörter aus dem Kiswahili, der Sprache, die wir mit den Menschen aus unserer tansanischen Partnergemeinde sprechen. Sie helfen manchmal weiter. Im ganzen ist die Kommunikation aufgrund des Mangels an Englischkenntnissen unserer syrischen Mitbürger  schwierig.

Die folgenden Tage sind ausgefüllt mit Schulanmeldungen und Schulweg-Begleitung für 3 Kinder, außerdem, aufgrund akut auftretender massiver Beschwerden, mit div. Arztbesuchen (unterschiedliche Fachrichtungen) und dem Aufsuchen der Kleiderkammer, des Sozialkaufhauses, der Discounter.

Es müssen technische Defekte an hauseigenen Elektrogeräten repariert werden. Die Organisation und Durchführung aller Erfordernisse beanspruchen Zeit und Ausdauer.

Aufgewogen wird dieser Einsatz durch die Mithilfe vieler Menschen:

  • Vertreterinnen und Vertreter der Stadt leisten mit immerwährender Geduld und Freundlichkeit Großartiges: sie beschaffen in Windeseile Krankenscheine (jetzt gibt es Gesundheitsausweise für 1 Jahr), sie benachrichtigen Hausmeister…
  •  die Sekretärinnen und Lehrer der aufnehmenden Schulen sind aufgeschlossen, entgegenkommend, mutmachend, herzlich, fachkompetent
  •  die kooperierenden, sich vernetzenden Ärzte  und Apotheker geben Sicherheit,
    die Mitglieder des Vereins  „Flüchtlingshilfe“ stehen stets mit ihrem Rat bereit
  •  selbst Wochenmarkthändler mit Migrationshintergrund unterstützen sprachlich und zeigen aufgrund ihrer eigenen Sozialisation viel Verständnis und Hilfsbereitschaft
  • uns unbekannte Glinder jeden Alters helfen, wenn sie uns unterwegs mit unserer Familie  in  schwierigen Situationen erblicken, so junge Mütter, Jugendliche etc.

Unser, durch vielfältige Tätigkeiten geprägtes, Leben hat einen wichtigen Schwerpunkt dazu gewonnen. Ja, es ist ein Gewinn zu erleben, wie viele Menschen Glindes  sich für die gleiche Sache, die Integration der neuen Mitbürger, einsetzen. Nur dadurch kann Eingliederung gelingen. Isolation trägt keine Früchte für das Gemeinwohl.

Es ist eine Freude zu sehen, wie offen und wissbegierig die neuen Mitbürger auf uns zu kommen. Sie sind dankbar und bereit, das Fremde zu verstehen, es anzunehmen. Die meisten von uns Deutschen haben die gleiche Einstellung. Auf diesem Weg ist es möglich, dass die Toleranz untereinander, z. B. zwischen Muslimen und Christen, wachsen kann. Leicht ist es nicht.

31. Dezember 2015: „Unsere syrischen Kinder und Enkel“ sind nach 3 Wochen in Glinde erstmalig in unserem Haus, als Gastgeschenke selbst hergestellte syrische Speisen im Gepäck. Sie berichten nach dem Teetrinken von ihren Fluchtwegen. Das erinnert uns an die Flüchtlinge vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Die Kleinen spielen mit den alten Playmobil-Figuren unserer Kinder. Sie bringen uns ein Schlauchboot. Die Eltern erklären uns, wie sie mit div. Schiffen, auch Schlauchbooten, vom Libanon über die Türkei und Griechenland nach Deutschland flohen, ihre alten Eltern zurücklassend. Auf Fotos von unseren Reisen 2005 und 2007 in ihr Heimatland erkennen sie eine Verkäuferin, eine Muslima aus Palästina, die uns eine selbst angefertigte Jacke verkaufte

Damaskus Jackenkauf

– Flüchtlinge überall auf der Welt. Die Syrer zeigen uns die Bilder ihres zerstörten Hauses in Damaskus. Diese bringen Erinnerungen zurück an die eigene Ausbombung 1943 in Hamburg. Wir finden schließlich die Bilder unseres Vaters vor dem Eingang zu unserer zerbombten Wohnung „Osterbrook 70“, wo er nach noch brauchbarem Eigentum sucht. Im gleichen Alter damals, wie die syrischen Kinder heute, spüren wir, dass die Schrecken eines Bombenangriffes ewig nachwirken.

JOKU !! 2016 Osterbrook 70 nach Bombenangriff28 Juli 43

Das Jahr 2015 hat viele zu bewältigende Aufgaben und Probleme mit sich gebracht, die in 2016 nicht weniger werden. Und zugleich sind wir reicher geworden im Zusammensein mit Migranten und Glindern. Die Kinder werden sich schnell in Glinde zu Hause fühlen und unsere Sprache ihren Eltern vermitteln, d. h. „kleine“ Dolmetscher sein. In ihnen und uns allen liegen Chancen, die es zu nutzen gilt, mit Gottes Hilfe.

Almut und Emil Heucke